Kommunizieren. Aber wie? Bitte!

Club 55 Editorial 2004

Grundlage für dieses Statement war der Impuls von Thomas Lünendonk. „Schreib doch einige Gedanken auf, wie Du Vorträge aufbaust, berichte über Deine Art der Moderation und Präsentation. Mehr Erfahrung kannst Du keinem von uns schenken.“

Also gut.

Meine älteste und erste Erfahrung als Redner
Ich war sehr, sehr jung und bekam auf wissenschaftlichen Kongressen, auf denen ich sprach, immer die schlechtesten Rednerzeiten und ausserdem überzogen meine Vorredner regelmäßig ihre zugedachte Redezeit. Nach der ersten Beobachtung zog ich daraus sofort die folgenden Konsequenzen: 1. ich hörte immer pünktlich auf! Auch wenn ich dadurch meinen Vortrag von 45 auf 25 Minuten kürzen musste. Erfolg: Für die Verantwortlichen wurde schnell klar, dass Köhler ein zuverlässiger Schlussredner ist. 2. Ich machte mich frei von technischen Elementen, wie z.B. Dias, um kürzer reden zu können. 3. Ich habe nie gesagt, was ich hätte alles sagen können!

Der grundsätzliche Ansatz einer Rede
Wahrscheinlich wird in jedem Rhetorik-Seminar die Empfehlung gegeben oder die Forderung aufgestellt: Überlegen Sie sehr sorgfältig, was Sie sagen wollen oder werden!

Probieren Sie einen völlig anderen Weg: Überlegen Sie sich die Beantwortung der folgenden Frage: In welchem Zustand sollen die Zuhörer sein, wenn Sie mit Ihrem Vortrag oder Auftritt fertig sind? Überlegen Sie einmal, welche Möglichkeiten sich hier auf tun: Sollen die Teilnehmer motiviert sein, oder niedergeschlagen? Ist das Ziel die Des-Information oder die Verführung? Wollen Sie absolut nichts preisgeben oder beabsichtigen Sie zur Verblüffung aller „die Hosen runter zu lassen“? Jedes Ziel ist zunächst legitim – allein das Ziel entscheidet über den Inhalt der Aussage.

So bereite ich mich vor
Für die folgende Behauptung kriege ich wahrscheinlich jetzt die Goldene Binse, dennoch: Vorbereitung ist die entscheidende Komponente. Für meinen ersten großen Vortrag mit 3.500 Zuhörern und der Belohnung durch einen Autorenvertrag mit einem abgerechneten Honorar von 32.000 EUR habe ich pro Vortragsminute einen Arbeitstag angesetzt. Heute investiere ich in einen Vortrag etwa 1 Stunde für die Vortragsminute.

Das mag zunächst unwirtschaftlich klingen. Wenn man jedoch davon ausgeht, dass solche Vorträge sich mehrfach halten lassen, dann rechnet sich das schon.

Reduktion der Medien
Der Einsatz von Medien wird aus meiner Sicht häufig falsch eingeschätzt. Dringendster Rat: im Zweifel verzichten. Folien und FlipChard sind nur dann noch akzeptabel, wenn ein Gedanke vor dem Publikum entwickeln werden muss. Wenn also das Entstehen nachvollziehbar sein soll, dann darf man malen. Vorsicht vor PowerPointPräsentationen. Unser Publikum ist diese Form gewohnt – und überdrüssig. Allerdings ist das Arbeiten mit Beamer und Laptop Klasse. Deshalb habe ich für mich entschieden, keine Vorlagen von Microsoft zu verwenden, sondern eigene Formate und Hintergründe zu gestalten. Noch ein Tipp: Nie Vorlesen, was man sieht.

Aktuelle Beobachtung und Erfahrung: Bei der Frage an Kunden: Wünschen Sie freie Rede? Kommt die begeisterte Antwort. Gerne! Klar doch! Endlich!

Wie man ein humorvoller Moderator wird
Wer auf Kongressen oder Firmenveranstaltungen spricht, erlebt immer wieder die Arbeit von Moderatoren. Meistens handelt es sich um halbprominente Fernsehgrößen, die bei kritischer Würdigung, insbesondere wenn sie Turnschuhe tragen, nur Zettel ablesen können. Denn das sind sie gewohnt. Sie kriegen allerdings keine emotionale Spannung hin.

Zu den Voraussetzungen: Während der Redner sich noch durch die Sachaussage schützen kann, muss der Moderator seine ganze Persönlichkeit zur Bühnenpräsenz einsetzen. Auch die dunklen Seiten wirken. Das wiederum setzt eine Persönlichkeit mit maximaler Selbstsicherheit voraus, die man nicht antrainieren kann, die wachsen muss. Wenn dann dabei noch das Geschenk der Götter, nämlich Humor aufblüht – dankbares Glück.

Um der Gefahr zu entrinnen, vor triefender Arroganz das Publikum oder die anderen Redner zu beleidigen, bleibt in meinen Augen nur die Lust am Scheitern.

Ich lebe diesen Punkt wie folgt aus: extreme Vorbereitung, kleine Stichwortkarte in der Jacke oder an sicherer Stelle – aber die gesamte Vorbereitung ist nur die 2.beste Idee. Auf die kann ich mich im Notfall zurückziehen. Und jetzt geht es los: ohne Stichwort, ohne Hilfsmittel, ohne auswendig gelernter Floskel, sich berühren lassen von den Emotionen und den Dingen die passieren – und dann mit großer Liebe und Zutrauen in das Gute Allen im Saal einen schönen Augenblick miterleben lassen. Gepaart mit der kindlichen Neugier, was es alles auf dieser Welt zu entdecken gibt, kann man tatsächlich den Spannungsbogen über zweitägige wissenschaftliche Kongresse halten – und wird für diese Leistung wieder und wieder gebucht!

Woran ich gescheitert bin?
Wenn man kleinste Formschwankungen akzeptiert, dann bin ich in meinem Leben bisher nur ein einziges Mal mit einem Vortrag gescheitert. Gescheitert an dem eitlen Selbstbetrug, auch ein alkoholisiertes Publikum um 22.30 (!) mit einem halbwegs ernsten Vortrag überhaupt erreichen zu können.

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